Glücklich soll das Huhn sein

Glücklich soll das Huhn sein

Vor einer Weile erhielt ich Post aus Davos, ein Fresspäckli mit regionalen Spezialitäten: Salsiz, Totenbeinli, Bündner Birnbrot und noch ein paar der feinen Spezialitäten mehr. Alle hausgemacht. Mit dabei waren auch Nudeln, angeschrieben mit: «Davoser Teigwaren mit Davoser Sechskorneiern». Jawoll. Sechskorneier. Ich fragte meine Tochter, was das wohl für Eier sein könnten. «Wahrscheinlich von glücklichen Hühnern», meinte sie leichthin und präzisierte gleich darauf: «… glücklichen Bündner Berghühnern natürlich».

Ich rief Vreni an. Vreni ist Bäuerin in unserem Dorf, sehr nett und tierlieb und wie ich sie kenne, hat sie ausnahmslos glückliche Hühner auf ihrem Hof. Vreni liefert im Abonnement die Eier ihrer Hühner direkt ihren Kunden nach Hause, immer per Velo. Was ich persönlich jeweils etwas abenteuerlich finde. Aber wie dem auch sei. Ich fragte Vreni nach Sechskorneiern. Von solchen Eiern haben aber weder Vreni noch ihre 50 Hühner samt den 50 Küken je etwas gehört. Wahrscheinlich habe es mit dem Futter zu tun, spekulierte sie. Ihr Federvieh, erzählte sie dann, picke Mais und Soja angereichert mit Mineralstoffen und Vitaminen und abends als Bettmümpfeli gönne sie ihnen ein paar Weizenkörner. Im Winter und im Frühling seien sie zum Schutz vor Habichten im Wintergarten mit eigenem Wellnessbereich, sprich Sandbad, untergebracht. Im Sommer hätten sie freien Ausgang. Vreni meinte schliesslich, sie glaube schon, dass es ihre Hühner bei ihr gut hätten und glücklich seien. Jetzt vor Ostern hätten sie allerdings recht viel zu tun. Beide Seiten, die Hühner mit legen, Vreni mit färben.

Ob Vreni die gefärbten Eier auch mit dem Velo zu ihren Kunden bringt, habe ich vergessen zu fragen. Wahrscheinlich schon, und vermutlich ziemlich viele, denn bei uns brauchen Familien am Ostersonntag ganze Körbe voller Ostereier zum «Eiertröla», einem alten Brauch. Gross und Klein, Kind und Kegel lässt an diesem Tag die bunten Eier eine Böschung hinunter kullern. Sieger ist, wessen Ei am Schluss noch als einziges ganz ist. Dieses Ei gilt dann als Glücksbringer.

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Natürlich legen Vrenis Hühner aber auch Eier fürs Ostergebäck: Osterzopf, Osterkuchen und – die Thusner Hühner produzieren ein paar Dörfer weiter Eier für die Hosenknöpfe. Die gibt’s bei uns im Tal nur in Thusis und nach alter Tradition nur in den 40 Tagen zwischen Fasnacht und Ostern. Wer sie sieht, weiss auch, wie sie zu ihrem Namen kamen: Ihre runde Form erinnert nämlich an Hosenknöpfe. Glücklicherweise sind sie aber aus wesentlich schmackhafteren Zutaten. Mehl, Zucker, Butter und Eier bilden die Hauptbestandteile des süssen Gebäcks, das meist mit Rosenwasser, gelegentlich auch mit Rum, aromatisiert wird. Es hat einen Durchmesser von etwa drei Zentimetern und ist gut einen Zentimeter hoch. Wie Hosenknöpfe richtig gegessen werden, weiss der Einheimische: «Am besten schmecken sie, wenn man sie im Mund zergehen lässt, denn nur so entfalten sie ihr ganzes Aroma». Ja, so ist mit den Osterbräuchen. Da dreht sich die Welt um Huhn und Ei oder um Ei und Huhn, oder was immer auch zuerst da war.

Die Frage nach den Sechskorneiern liess mir aber doch keine Ruhe. Ich rief in Davos an. Der Teigwarenhersteller wusste es auch nicht und verwies mich an den Produzenten. Dieser, Herr Caflisch, klärte mich auf. Also: Herr Caflisch serviert seinen Hühnern sozusagen das Gourmetmenü: Mais, Hafer, Gerste, Roggen, Weizen und Hirse. Und das alles selbstverständlich in der gesunden Davoser Bergluft. Tja, wenn das mal keine glücklichen Bündner Berghühner sind.

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