Den Moment in die Vergänglichkeit gestellt

In der ersten Ausgabe seines Kataloges «Alpine Strukturen» zeigt der Fotograf Ingo Rasp Kontraste der alpinen Landschaften im Kanton Graubünden. Ein Spiel der feinen Zusammenhänge zwischen Elementen, Strukturen und Mustern.

Sie haben einen Hauch von Ewigkeit: die schroffen Felsen, die Risse in den Gletschern, die in die Höhe ragenden Eistürme, die überzuckerten Tannen, die Strukturen der gebirgigen Landschaft. Für den Fotografen Ingo Rasp ist es die pure Schönheit. «Es gibt wohl kaum eine andere Landschaft, die so reich an Kontrasten und Vielfalt ist, wie die rauen und zugleich wunderschönen Berglandschaften unserer Erde», schreibt er im Prolog zur ersten Ausgabe seines Kataloges «Alpine Strukturen». Es sind Schwarz-Weiss-Bilder und Bilder in zarter Farbe, an welchen das Auge erst hängen bleibt und die erst bei der intensiveren Betrachtung ihre eigentümliche Kraft entfalten – und eben diesen Hauch von Ewigkeit wiedergeben. Regelmässig ist Ingo Rasp als Alpinist, mit dem Bike oder mit dem Helikopter unterwegs, um diese Eindrücke mit seiner Kamera einzufangen.

Bausteine des Lebens …

Fasziniert hat Ingo Rasp die Fotografie schon als Junge, als er mit der alten Minolta seines Vaters experimentierte. Für ihn hat es aber eine Logik, dass er nun als Erwachsener die Fotografie zu seinem Beruf gemacht hat. «Es sind verschiedene Bausteine, die das Leben nach und nach zusammengefügt hat», meint er am Tisch in seiner Wohnung in der Churer Altstadt. Gelernt hat er ursprünglich Möbelschreiner und schon damit ein Gespür für Formen und Proportionen entwickelt. Gleichzeitig war er mit seinen Eltern auch schon als Kind viel in den Bergen unterwegs. Sein Weg führte ihn danach nach Konstanz, wo er Architektur und Fotografie studierte. Ein einjähriges Praktikum brachte ihn während des Studiums ins Engadin. «Eines der schönsten Täler für mich. Sowieso, in den Bergen und in der Natur fühle ich mich seit jeher wohl», erzählt er. Natürlich hatte er auch als Bergsteiger immer die Kamera mit dabei. «Diese fantastischen Landschaften musste ich einfach festhalten», meint er mit spürbarer Begeisterung und einer zu erahnenden tiefen Verbundenheit mit der Natur.

… die zusammenpassen

Im Jahr 2009 zog er von Konstanz nach Chur, wo er in einem Architekturbüro Häuser entwarf und plante. Nebenbei blieb der Sport der Ausgleich. Fast jede freie Minute kletterte er als Alpinist auf den diversesten Routen. Dazu kam das Biken. Seine Fotoausrüstung schleppte Ingo Rasp nicht nur zu Fuss auf die Berge, sondern auch auf dem Velo. Fotografisch interessiert haben ihn immer die grossen Zusammenhänge, die Strukturen der Landschaften und die Veränderungen, welche die Zeit hervorbringt. Zum Beispiel die Spuren, die ein sich zurückziehender Gletscher hinterlässt. 2013 entschied er sich, den Job an den Nagel zu hängen und sich ganz der Fotografie zu widmen. «Es war eine logische Folgerung. Die Bausteine passten so zusammen», hält er fest. Ein nächster Schritt war die Fotografie aus dem Helikopter, die Hand in Hand ging mit der Faszination des Fliegens und eine weitere Perspektive in der Fotografie öffnete. «Von oben auf die Dinge zu schauen, hilft, Zusammenhänge zu verstehen», sagt er. Denn: «Man sieht plötzlich, wie klein alles ist, erhält dadurch einen Weitblick und spürt trotzdem eine Verortung. Man merkt im ganzen Gefüge, wo man zu Hause ist. Das hat etwas Magisches».

«Die Natur bestimmt die Bilder»

Zu Fuss ist er aber nach wie vor unterwegs, steht manchmal stundenlang im Schnee fürs richtige Bild oder übernachtet im Biwak, um das Frühlicht am Morgen zu nutzen. «Es ist immer ein Suchen und ein Finden», sagt er. «Beides gehört zusammen. Vielleicht ist es das Bild, das meinen Vorstellungen entspricht, vielleicht auch nicht». Den perfekten Moment zu erwischen sei schwierig, denn ein Bild könne sich in Minuten verändern. So etwa durch Wolken, Nebel, Raureif, der in der Sonne rasch schmilzt oder Licht und Schatten.

Einmal pro Jahr ist Ingo Rasp mehrere Tage mit dem Bike unterwegs über Pässe und durch die abgelegensten Täler. «Alpencross» nennt er die Tour, auf welcher ihn ein Kollege jeweils begleitet. «Da kommst du an Orte, da glaubst du gar nicht, dass du noch in der Schweiz bist», schwärmt er. Und weiter: «Es ist fantastisch, durch diese Täler zu fahren. Und wenn du ein nächstes Mal wieder kommst, sieht alles ganz anders aus. Ein riesiges Potential für die Fotografie». Damit spricht er Jahreszeiten, Wetter, Lichtverhältnisse und eben die Veränderungen in der Landschaft an. Jede Fotografie ist damit eine Hommage an die Berge und gleichzeitig ein Moment, der festhält, was Jahrtausende geschaffen haben. Dies ohne zu «tricksen», wie er übrigens festhält. Seine Bilder sind, wenn überhaupt, nur minimal nachbearbeitet.

Mit seiner Katalogreihe will Ingo Rasp mit derselben Kraft und Faszination für die unterschiedlichen Entstehungsprozesse, welche die Erde formen, verändern und gestalten, weiterfahren, um genau das auch für andere sichtbar zu machen. Bereits sind eine zweite und eine dritte Ausgabe in Arbeit. Wie sie aussehen werden, verrät er noch nicht, respektive nur soviel: «Die Natur bestimmt die Bilder».

Silver Lining No 12 - 2015 Calanda Switzerland
Silver Lining No 12 – 2015 Calanda Switzerland
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