Retten muss traniert sein

Retten muss traniert sein

Bergungsübungen sind bei Bergbahnen von Gesetzes wegen vorgegeben. Die Mitarbeitenden der Lenzerheide Bergbahnen AG üben deshalb regelmässig den Ernstfall.

In luftigen Höhen in einer Kabinenbahn oder auf einem Sessellift hängen zu bleiben ist nicht unbedingt das, was man sich bei einem Ausflug in die Berge wünscht. Je nach Wetter und Temperatur kann das ganz schön in die Knochen gehen. Es bleibt nichts, als Warten auf Rettung. Für die Mitarbeiter des technischen Dienstes der Lenzerheide Bergbahnen AG ist dies eine Situation, die regelmässig trainiert werden muss. Ein Augenschein auf der Sektion eins auf Scharmoin vermittelt, wie eine solche Bergung vor sich geht.

Drei Stunden Zeit

Bevor es zur eigentlichen Übung geht, erklärt der technische Leiter, David Brüngger, die zur Rettung notwendigen Geräte. Eines der wichtigsten ist das SS1 Bergegerät. Es ist versehen mit einer Rolle, mit welcher der sogenannte Seilfahrer sich am Seil zu den Kabinen hinbewegen kann. Zur weiteren Ausrüstung gehören unter anderem natürlich auch Seile, Rettungsgeschirre und Karabiner, alles verpackt in einem Rettungssack. In den zwölf Jahren, seit er nun bei der Lenzerheide Bergbahnen AG arbeite, sei noch nie etwas passiert, erklärt Brüngger nebenbei. Im von seinem Arbeitgeber angewandten Rettungssystem brauche es pro Sektor – die Bahnstrecke ist in Sektoren eingeteilt – nur zwei Mitarbeitende, einen, der die Personen aus den Kabinen evakuiere und einen zweiten, der diese am Boden in Empfang nehme und zu einem Sammelplatz bringe, erklärt er weiter. Da werde ihnen ein Bändchen ums Handgelenkt gelegt, um sicherzustellen, dass alle heil angekommen seien.

In einem Ernstfall steht dem Rettungsteam ab Stillstand der Bahn ein Zeitfenster von drei Stunden zur Verfügung. Innerhalb dieser Frist müssen alle Passagiere an einem dieser Sammelplätze auf dem Boden sein. So ist es von der Internationalen Organisation für das Seilbahnwesen in einem umfangreichen Leitfaden festgelegt. Der technische Leiter oder sein Stellvertreter muss jederzeit erreichbar und innerhalb einer Stunde auf der Anlage sein. Bei Rettungen in schwierigem Gelände oder schlechtem Wetter fordert dieser einen Helikopter an, der mit einer Longline bis zur vier Personen gleichzeitig retten kann.

Gebremst wird die Bahn übrigens elektrisch. Bei einem Stromausfall kommt ein Dieselmotor zum Einsatz, mit welchem die Kabinen mit reduzierter Geschwindigkeit zur Station zurückgezogen werden können.

Lautsprecher informieren

Vor der Bergstation Scharmoin auf der Lenzerheide gilt es übungshalber ernst. Walter und Sven sind die beiden Mitarbeitenden, die bei dieser Übung als Seilfahrer ihre Kollegen aus der Bahn holen sollen. Fünf von diesen sitzen in je einer Kabine und warten auf ihre Rettung. Im Ernstfall sind zu diesem Zeitpunkt die Gäste bereits über auf den Stützpfeilern angebrachte Lautsprecher zu den Massnahmen informiert. Routiniert klettern die beiden auf den Leitern des Pfeilers nach oben, wo sie ihre SS1-Geräte an den Seilen einhängen. Mit einer Kurbel schrauben sie das Gerät – und damit auch sich selbst – auf die Kabinen zu. Vom Kabinendach her können sie die Türen öffnen und so zu den eingeschlossenen Gästen, in diesem Fall ihre Kollegen, gelangen. «So wer ist der Erste? Wer hat am meisten Angst?», hört man von unten die Frage. Am besten sei es immer, wenn man diejenigen Passagiere mit Höhenangst zuerst aus ihrer misslichen Lage befreien würde, erklärt Brüngger, der die Szene vom Boden aus beobachtet. Über ihm legt Sven der ersten Person die Gurte an und lässt sie gegen den Boden schweben. Kaum eine halbe Stunde später haben alle fünf wieder festen Boden unter ihren Füssen. Nach einer Selbstabseilung auch ihre beiden Retter. Die Seile werden heruntergezogen. Fertig. Im Ernstfall werden die Gäste nun von den Sammelplätzen ins Tal gefahren, im Sommer mit Fahrzeugen, im Winter mit den Pistenbullys.

Die gesetzlichen Auflagen

Im Bundesgesetz über Seilbahnen zur Personenförderung heisst es unter Art. 3, Abs. 3: «Wer eine Seilbahn bauen und betreiben will, ist verantwortlich für die angemessene Ausbildung des für die Sicherheit zuständigen Personals».

Weiter hält die Seilbahnverordnung unter Art. 44 fest: «Das Seilbahnunternehmen muss nachweisen, dass die Bergung unter allen zulässigen Betriebszuständen jederzeit sicher und rechtzeitig erfolgen kann. Es hat hierzu mindestens jährlich Übungen im erforderlichen Umfang durchzuführen.

Der Kanton Graubünden verfügt über circa 50 Bergbahnunternehmen, welche pro Jahr von rund 8.5 Mio. Gästen benützt werden. Die Lenzerheide Bergbahnen verzeichneten im Geschäftsjahr 2014/15 728‘000 Ersteintritte.

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